Unter Palmen sitzend, im warmen Morgenwind und mit einer frisch eingeschenkten Tasse Kaffee in der Hand, habe ich den Blick auf türkisgrünes Meer gerichtet. Auf diese Weise lassen sich Zusammenhänge leichter erkennen. Wer im Paradies lebt, so stelle ich zum Beispiel gerade fest, muss immer mehrere Jobs gleichzeitig innehaben. Nicht unbedingt um sich finanziell über Wasser zu halten, sondern damit das Paradies auch tatsächlich funktioniert. Susan, die mir gerade im einzigen Café einen Kaffee serviert, hatte ich schon vor ein paar Tagen gesehen, als ich aus dem Flughafengebäude kam. Sie saß unter einem Sonnenschirm am Check-in Schalter. Hier im Paradies ist das natürlich kein ausfüllender Job, landet doch nur zweimal pro Woche ein Passagierflugzeug. Die verhältnismäßig große Landebahn wird in der restlichen Zeit als Golfplatz benutzt. Jeden Mittwochabend, ist das Paradies wie ausgestorben, nämlich dann, wenn sich alle Einwohner auf der Landebahn treffen und ein Golfturnier veranstalten. Aber ein Check-in Schalter ist auch im Paradies nun mal notwendig und jemand muss das machen. Andere Paradies-Bewohner sind Kanuverleiher und Tauchguide in einer Person. Oder Zimmervermieter und stehen im kleinen Supermarkt an der Kasse. Oder Radverleiher tagsüber und abends Bar-Frau. Und so weiter. Stress versursacht dies dennoch kaum - unter Burn-out versteht man hier im Paradies bestenfalls einen Sonnenbrand.
Das Flughafengebäude ist nicht viel größer, als das Café „Maxi’s by the Sea“, in dem ich gerade sitze. Es ist winzig. Eine blaue Hütte, außen grob mit Treibholz verziert, ein Tisch mit ein paar Stühlen davor, üppig von tropischen Pflanzen umsäumt, die in der warm-feuchten Luft perfekt gedeihen. Innen ist alles sonnengelb ausgemalt und unter einer Vitrine findet man selbstgebackene Mehlspeisen zur Auswahl. Kaffee und Kuchen kosten zehn australische Dollar. Eine schöne runde Summe. Runde Summen sind insofern wichtig, weil – auch dies eine meiner faszinierenden Erkenntnisse – im Paradies Wechselgeld so gut es geht vermieden wird. Das leuchtet mir auch ein. Warum sollte man sich ausgerechnet hier mit Wechselgeld abgegeben? Hauptsache es gibt Kaffee und Kuchen und Menschen, die dafür sorgen, dass dies jeden Tag so bleibt. Es existieren scheinbar zwei Regeln im Paradies: Regel Nummer eins: Es sollte möglichst immer und Alles so bleiben, wie es ist. Und Regel Nummer zwei: Menschen im Paradies sind reich. Reich an Zeit.
Es ist auf den ersten Blick kaum vorstellbar, dass Menschen irgendwo sonst auf der Welt in dieser Sparte ähnlich wohlhabend sind. Dennoch täuscht dieser Eindruck und die Regeln, die auf den ersten Blick so in Stein gemeißelt erscheinen, werden gebrochen. Erst auf den zweiten oder vielleicht dritten und manchmal erst auf den vierten Blick, erkennt man wie hoffnungslos, schonungslos-unerfüllbar diese Paradies-Regeln sind. Auch die scheinbar so üppig vorhandene Zeit rinnt den Paradies-Bewohnern wie der allgegenwärtige Korallensand durch die Finger. Und zwar Jedem, ob jung oder alt. Jedem auf unterschiedliche Weise. Und auch eine leider-nicht-paradiesische Regel übertrumpft Paradies Regel Nr. 1. Dass nämlich, Nichts und nie etwas so bleibt wie es ist. Auch nicht im Paradies.
Das Paradies.
Das Paradies ist die überraschende Antwort auf eine australische Trivial Pursuit Frage, wo denn der entlegenste Ort West-Australiens sei. „Entlegen“, ist hier ein durchaus angebrachter Begriff, selbst im Empfinden der Australier, die dabei eher in andere Relationen zu denken pflegen. Und während Australien-Experten sich den Kopf darüber zerbrechen, um welches staubige Opalschürfer-Kaff im Outback es sich dabei handeln könnte, liegt die Lösung ganz wo anders. Nämlich beinahe 3000 (!) Kilometer Luftlinie von Perth entfernt, mitten im Indischen Ozean: Die Cocos Keeling Inseln. Ein tropisches Korallenatoll, bestehend aus einem Ring (eigentlich ursprünglich zwei Ringe) von 26 Inseln bzw. einer 27. Insel, die ein Stück abseits liegt und die als Pulu Keeling National Park vollständig unter Naturschutz gestellt wurde.
Die Cocos Inseln dienen als Vorposten Australiens im indopazifischen Raum. Andere sagen: „Sie sind ein kleiner Fliegenschiss in den endlosen Weiten des Ozeans.“ Fakt ist, sie sind ebenso so abgelegen, wie sie kitschig-traumhaft-schön sind. Bacardi Werbung in echt. Sie sind auch so weit weg von irgendetwas, dass sie auch touristisch keine Rolle spielen, was vor allem für mich persönlich das ausschlaggebende Argument war hier herzukommen. Hier verstecken sich keine dichtgedrängten Bungalows zwischen Palmen auf vermeintlich einsamen Inseln. Diese Inseln hier sind tatsächlich einsam.
Von den 27 Inseln sind gerade einmal zwei bewohnt. Hier auf West Island leben etwa 150 australische Expatriats. An der diagonal gegenüberliegenden Seite des Atolls, etwa 20 Kilometer Luftlinie über eine flache mit glasklarem Wasser und Haien, Meeresschildkröten und Fischen gefüllte Lagune, liegt Home Island. Hier leben etwa 400 Malays. Die Bewohner der beiden Inseln könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein: Während die hellhäutigen Aussies ihrem westlichen Lebensstil fröhnen, vorwiegend Christen sind und Englisch sprechen, sind die dunkelhäutigen Malays, traditions- und familienbewusst, vorwiegend muslimisch und sprechen Cocos-Malay. Während auf West Island der Individualismus hochlebt, erinnert Home Island eher an eine Insel Indonesiens, mit deutlich dicht gedrängterer Bevölkerung und einem Ansatz von Wegenetz. Aber ok, Verkehrsstau gibt es auch hier, mangels Autos, nicht. Und Zeit, die haben alle hier wie dort reichlich. Beide Inseln verbindet darüber hinaus nicht nur eine hochmoderne Fähre, die mehrmals täglich verkehrt (außer Sonntag!), sondern auch eine gemeinsame friedliche Vergangenheit mit viel Respekt gegenüber der jeweils anderen Kultur. Zu einigen traditionellen Festivitäten ist es durchaus üblich, dass die gesamte Bevölkerung der jeweils einen Insel, via Fähre auf die andere Insel pilgert. An diesen Tagen ist dann nur eine der 27 Inseln bewohnt…
Entdeckt wurden die Cocos Inseln übrigens bereits 1609 vom britischen Kapitän William Keeling, aber, fast typisch für den langsamen Lauf der Dinge hier, erst 200 Jahre später, im Jahr 1809, nach ihm benannt. Nach tausenden Jahren Isolation und Abgeschiedenheit, mussten sich die Abermillionen Krabben und Einsiedlerkrebse, die hier Tag für Tag den Strand von jeglichem Essbaren Treibgut reinigen, ab etwa 1825 ihren Lebensraum mit Hominiden teilen. Für gut 150 Jahre, bis 1987, wurde hier Kopra im großen Stil gewonnen und verarbeitet. Kopra ist das Fruchtfleisch der Kokosnüsse. Es wird nach seiner Extrahierung von der Nuss zu Kokosraspeln (Nahrung) bzw. Kokosöl weiter verarbeitet. Zu diesem Zweck wurden freilich Kokospalmen kultiviert, Monokulturen angelegt und die natürliche Flora der Inseln massiv beeinflusst. Kokospalmen erobern die Küstensäume, Kokos-Wälder im Inneren der Inseln sind Überbleibsel der Plantagen. 1984 stimmte die Bevölkerung ab, fortan zu Australien zu gehören. Geld für westliche Infrastruktur und damit eingehenden Komfort, eine gepflegte Landebahn, die Fähre und viele weitere Annehmlichkeiten sind seither selbstverständlich.
Viele dieser Annehmlichkeiten sind ursprünglich nicht dafür installiert worden, den Tourismus zu fördern, sondern das Leben der Einheimischen zu vereinfachen. Was nicht heißen soll, Touristen wären nicht willkommen, ganz im Gegenteil. Die Stromversorgung läuft über einen gigantischen Generator. Die in den Häusern allgegenwärtigen Ventilatoren laufen Tag und Nacht, 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. Auch wenn ein Haus unbewohnt ist. Schaltet man sie ab, beginnt das Haus innerhalb kürzester Zeit zu schimmeln. Trinkwasser kommt übrigens aus einem natürlichen See und gelangt als erfrischendes Leitungswasser in alle Haushalte. Und dennoch, Kosten-Nutzen Rechnungen werden keine aufgestellt. Ein Beispiel: Wenn ich mich spontan dazu entschließe, von meinem kleinen Apartment aufzubrechen, um die Inselwelt am anderen Ende des Atolls (die immerhin so weit entfernt ist, das sie am Horizont nicht erkennbar ist) zu erkunden, gehe ich ein paar Schritte zu einem kleinen Shuttlebus und lasse mich zur Fähre fahren. Ich könnte auch gehen, es ist vielleicht einen Kilometer entfernt aber mit Fotorucksack, Stativ und 35°C heißen Sonnenstrahlen am Rücken, nimmt man es gerne auch mal bequem. Also weckt man den im Schatten dösenden, zuständigen malayischen Fahrer, fährt ca. 40 Sekunden zur Fähre, die moderner wirkt als die Twin City Liner auf der Donau zwischen Wien und Bratislava. Nicht selten bin ich der einzige Passagier an Bord. Es ist jedes Mal eine atemberaubende Fahrt über glasklares Wasser und abgrundtiefen „Black Holes“. Diese „Black Holes“ sind schier abgrundtiefe Löcher, an deren Rändern man meist große Tigerhaie schwimmen sieht. Auch verspielte Delphine sind regelmäßige Begleiter dieser bequemen Überfahrten. Die ganze Fahrt – Roundtrip – kostet mich drei Dollar. 50 Cent für den Bus, plus 2,50 Dollar für die Fähre. Über Rentabilität zerbricht man sich also ebenso viel den Kopf, wie über die Ausdehnung von Kurzparkzonen.
Touristen kommen freilich in den Genuss all dieses Komforts. Was an touristischen Einrichtungen vorhanden ist, basiert rein auf privaten Initiativen. Ein paar Bungalows, ein paar (mehr oder weniger schöne) Privatzimmer, ein paar wenige B&B’s. Das war’s auch schon. Halt nicht ganz: So unglaublich es klingt, es gibt hier ein budget-style Motel! Als käme gelegentlich ein schäbiger Chevy um die Ecke gebogen, um für eine Nacht auf der Durchreise Halt zu machen. Doch der eigentliche Grund für dessen Existenz sind sporadische Stopps von Militärflugzeugen bzw. deren Besatzung, die hier dann kurzfristig nächtigt. Aber es passt zum Bild. Hier muss man kein teures all-inklusive Resort gebucht haben, keinen Erlaubnisschein für eine Angeltour lösen. Selbst für ganz normale Camper sind diese Inseln ein Paradies. Campen? Einfach aus dem Flugzeug steigen, die 150 Meter zum Strand gehen, sein Faltboot aufbauen und los paddeln. Oder wie wäre es damit: Man braucht gar kein Kanu. Bei Ebbe kann man jede einzelne dieser Inseln zu Fuß erreichen! Nur eines darf man niemals: Auf ausreichend Trinkwasser vergessen und genügend Zeit einplanen. Wer länger als sieben Tage „lost“ sein will, sollte sich allerdings abmelden und einen Permit lösen, sonst wird man später auch nicht gesucht.
Ich selbst war schon ein paar mal „lost“ – absichtlich gestrandet. Mit Kajak und möglichst weit von den bewohnten Inseln entfernt. Noch mehr „lost“ geht fast gar nicht – zumindest nicht freiwillig. Es ist jedoch sicherlich nicht jederfraus Sache, jedoch als Landschaftsfotografin war es unabdingbar auf den Inseln zu campen. Die Phasen, in denen das Licht ideal ist, sind kurz, der Übergang von Tag zu Nacht ist nur eine Frage von etwa 30 Minuten. Während ich in meinem wunderschönen Quartier auf West Island, jeden Abend an Ventilator, kalter Dusche, W-Lan und einem kühlen Bier erfreuen konnte, sieht es beim Campen auf einer der menschenleeren Insel so aus: Die feucht-schwüle Luft kühlt von etwa 35°C im Schatten auf 28°C herunter. Das Trinkwasser hat dann in etwa eben diese Temperatur erreicht. Abkühlen im Meer geht auch nicht – gleiche Temperatur. Wer hier unterwegs ist, sollte daher auch immer eine Schnorchel Ausrüstung mit dabei haben. Man muss das Wasser niemals wegen ausgeprägter Gänsehaut verlassen. Aus der Faszination über all die Farben und Fischarten und kristallklares Wasser, konnten mich meist nur unerwartet neugierige und unerwartet große Haie reißen. Ich habe keine Angst vor Haien. Aber ich war hier völlig allein auf einer wilden und unbewohnten tropischen Insel, 3000 Kilometer vom Festland entfernt, die nächste Insel kaum am Horizont erkennbar. Da denkt man dann doch nach. Und natürlich muss ich mich beim Campen selber um mein Abendessen, vermutlich eine Suppe, bemühen. In meinem gemütlichen Quartier auf West Island sieht das anders aus. Man teilt dem örtlichen Fischer mit, er möge einen Fisch für mich mitfangen und wenn ich abends nach Hause komme, liegt dieser bereits im Kühlschrank. Häuser werden hier nicht abgesperrt, wozu auch, und den Fisch vor der Veranda abzulegen wäre angesichts der Tagestemperaturen keine gute Idee.
Später, bei Einbruch der Dunkelheit, konnte ich noch im letzten Licht beobachten, wie sich der Strand rings um mein Zelt mit Einsiedlerkrebsen füllte. Jeden Brösel, den ich zuvor verloren hatte haben sie genascht und wie nichts mehr über war, haben sie sich über meine Füße hergemacht. Das war anfangs noch komisch, später konnte ich aber in der Dunkelheit nur mehr über eine krabbelnde Masse von Millionen dieser Krebse hinweg, irgendwie ins Zelt stolpern. Noch später, mitten in der Nacht, wurde ich von den Krebsen geweckt, die mittlerweile das gesamt Zelt bedeckt hatten. Von draußen drang ein Krabbeln und Schaben und Schmatzen an meine lauschenden Ohren, die zunehmend im Schlafsack verschwanden. Das einzig andere vernehmbare Geräusch, war das Rauschen der Brandung, die sich wie schon seit Millionen von Jahren, in einem ewigen Rhythmus an der Riffkante bricht. Am nächsten Morgen waren die Krebse fort, als wären sie nie dagewesen.
Für hiesige Verhältnisse gleich ums Eck, liegen die Christmas Islands – die Weihnachtsinseln. Fast wäre man verleitet ins Wasser zu springen und mal eben rüber zu kraulen, es sind dann aber doch noch 750 Kilometer Luftlinie! Die Weihnachtsinseln sind berühmt wegen der alljährlichen Migration der roten Krabben, die dabei weder vor Autos oder Wohnhäusern halt machen. Diese speziellen roten Krabben gibt es hier nicht, jedoch ganz ähnliche. Und wer sich auf den Cocos Keelings ein Rad leiht (15 Dollar pro Tag – runde Summe, Vorsicht Helmpflicht) und die etwa 10 Kilometer lange Schotterpiste ans Südende von West Island radelt, wird mitunter Zeuge, welche Wesen hier tatsächlich auf den Inseln die Herrschaft über haben. Speziell nach Regengüssen queren manchmal tausende große, quirlige Krabben gleichzeitig die Straße. Dies sieht dann aus, als wäre die gesamte Schotterpiste in Bewegung geraten. Der unvorbereitete Radfahrer kommt unweigerlich zu Sturz. Über die hiesige Tierwelt könnte man sicher noch so einiges erzählen, hier sei zumindest noch ein erstaunlicher Fakt über eine Tierart erwähnt, die hier gar nicht vorkommt, was wiederum einiges über die Abgeschiedenheit der Inseln erzählt: Die Cosos Keelinsg gehören zu den ganz wenigen Küstenabschnitten der Erde, die im Laufe von Jahrtausenden noch nicht von Möwen erreicht wurden. Keine einzige Möwe hier. Auf keine der 27 Inseln. Sie sind zu weit weg.
Habe ich schon erwähnt, dass ich hier nicht zum Urlaub machen hergekommen bin? Nein, ich bin dienstlich hier, als Landschaftsfotografin. Mein Auftrag hier lautet: Fototapeten-Motive finden. Nämlich jene mit Kokospalmen, weißem Sand und blauem Meer. Moderne Printtechniken erlauben es solche Fotomotive auf wasserfeste Materialien, Kacheln, Folien oder gar Glas zu printen und diese für Küchen oder Badezimmergestaltung zu verwenden. So viele es von diesen Motiven scheinbar bereits gibt, sie alle entsprechen heutzutage kaum den hohen Qualitätsansprüchen, die durch moderne Printtechniken machbar sind. Also müssen neue Fotos her und da hat man mich beauftragt, welche zu finden. Wo, war egal. Ein freilich harter Job aber Irgendjemand muss ihn schließlich machen. Meine Arbeit tagsüber besteht also vorwiegend darin, mit meinem Kajak über das spiegelglatte Wasser zu gleiten, schöne Blickwinkel zu finden, wo sich perfekte Palmen über den Strand lehnen und dahinter der endlose Horizont mit dem endlosen Ozean verschmilzt. Ein paar Schäfchenwolken am Himmel wären auch ok. An manchen Tagen wollte ich nicht selber paddeln und habe die Dienste von Kanu –Guide/Bar-Frau Kylie in Anspruch genommen. Zusammen sind wir mit einem motorisierten Kanu durch die Inselwelt gegondelt, geschnorchelt und Kylie hat mich in die entlegensten Ecken des Atolls geführt. Die idealen Palmen sind übrigens gar nicht so leicht zu finden, Kylie hat sie kurzerhand „Verena-Palms“ genannt.
Wie gut oder schlecht manche Inseln, Buchten oder Strände erreicht aber auch fotografiert werden können, hängt hier sehr stark von den Gezeiten ab. Bei Flut füllt sich die Lagune mit glasklarem Wasser und von den weißen Stränden bleibt kaum etwas übrig. Bei Ebbe hingegen, muss man schon gut einem Kilometer vor dem Erreichen einer Insel aus dem Boot steigen und sich mühsam den Weg zur Insel erarbeiten. So interessant es auch ist, bei Ebbe durchs Wasser zu waten, Korallen und Meerestiere zu beobachten, über die Tridacna Muscheln in all den Farben zu staunen - mit Kanu „an der Leine“ und 20kg Fotorucksack am Rücken ist das kein Honigschlecken. Apropos schwer zu erreichen: Auf die eingangs erwähnte 27. Insel des Atolls, North Keeling Island, ist es so oder so beinahe unmöglich zu gelangen. Sie wurde 1995 zum Nationalpark erklärt – Pulu Keeling National Park. Gut 30 Kilometer nördlich des Kokos-Atolls gelegen, von stürmischer See umgeben, geschützt von einem Riff-Saum, lebt Fauna und Flora gänzlich unberührt von menschlichem Einfluss. Noch ein Paradies? Nicht ganz! Per Boot und nach riskanter Überfahrt, kann man bis zu einem schmalen Eingang am äußeren Riff gelangen, ab dort heißt es jedoch: Ins Wasser springen und Schwimmen! Wer es über Riffkante und Brecher schafft, erreicht eine sandige Lagune auf einer Insel ohne jegliches Trinkwasser und wird sofort von einer Myriadenschar stechender Sandfliegen begrüßt.
Nachdem auch die Tageslichtphasen, bedingt durch die Äquatornähe nicht endlos lange sind, etwa von 06.00 bis 18.00 Uhr, ist man als Fotografin immer auf Achse. So beschaulich – und vielleicht sogar langweilig oder eintönig – so ein Atoll, aus der Ferne betrachtet, wirken mag, in jeder Minute ist etwas im Gange. Wasser kommt und geht mit Flut und Ebbe, der tägliche Regenguss baut sich auf, ergießt sich über die Inseln und verzieht sich, die Sonne geht unter, die Krebse kommen. Hier im Paradies beginnt immer etwas und etwas endet. Alles hat ein Ablaufdatum.
Auch in längeren Zeitabständen betrachtet, ist das Leben der Inselbewohner in der einen oder anderen Form mit Ablaufdaten versehen. Das augenscheinlichste davon, ist wohl klimatisch bedingt. Schon bei der Landung, kurz nach Verlassen des Flugzeugs kommt man an einer Begrüßungstafel vorbei auf der zu lesen ist: „COCOS ISLANDS – ALTITUDE 10 FEET“. Mit drei Meter Seehöhe wird es diesem Paradies wohl nicht lange vergönnt sein, sich über Wasser zu halten, sobald sich Auswirkungen des Klimawandels im Indischen Ozean bemerkbar zu machen beginnen. Dazu braucht es nämlich keine Erhebung des Meeresspiegels um drei Meter, da reicht schon wesentlich weniger. In der dokumentierten Geschichte, wurden die Kokosinseln bislang immer von tropischen Stürmen verschont. Ein einziges Mal streifte ein Zyklon eine Ecke des Atolls und die Folgen davon sind wie ein Mahnmal sichtbar. Die eine „getroffene“ Insel sieht nach wie vor aus wie ein zerflederter Strohhut. Sollte der Meeresspiegel auch nur um einen Meter steigen, wird der Schutz des Riffsaumes zunehmend wirkungsloser und ein Sturmtief samt hohem Seegang würde der Idylle ein jähes Ende bereiten. Über die Bedrohung von diversen Eilanden im Südpazifik wurde schon viel geschrieben und berichtet aber man vergisst schnell, das sie nicht nur ein Schnorchel-Resorts sind, sondern hier permanent Menschen leben und Kinder groß ziehen.
So beschaulich der Alltag der Menschen auf den Kokosinseln auch ist, sie haben auch ohne Klimawandel genügend andere Sorgen. Vermutlich leuchtet es jedem ein, dass der Platz auf den Inseln enden wollend ist. De Facto ist es so, dass auf West Island keine neuen Häuser gebaut werden dürfen. Und nicht nur das. Es darf nur eine Kunstgalerie geben, ein Cafe, eine Bar, eins von irgendwas. Wer als Künstler davon träumt sich auf die Inseln zu begeben, eine Galerie aufzumachen, hat Pech. Es gibt schon eine. Nicht weit von der abgewrackten, vom Dschungel halb rückeroberten Muschelzucht, wo es immer ein wenig nach Marihuana riecht. Es gibt einen Pizzaladen (Pizza nur gegen Vorbestellung) und auch eine bestens florierende Bar. Konkurrenz durch Angebot und Nachfrage, das Zauberwort der freien Marktwirtschaft, fördert das soziale Zusammenleben im Paradies nicht. Und das friedliche Zusammenleben steht hier über allem. Es gibt hier einige Familien mit Kindern, sogar so viele, dass sich der Betrieb einer Volkschule lohnt. Zum Wandertag geht man schnorcheln, isst Kokosnuss frisch von der Palme, man lernt über die Tier und Pflanzenwelt, die man gleich vor dem Klassenzimmer beobachten kann und verbringt eine unbeschwerte Kindheit fernab von Zivilisationsproblemchen. Wer hier als Kind aufwächst, ist zu beneiden. Und dennoch. Nach Abschluss der Volksschule ist damit Schluss. Mehr als eine Volksschule gibt es nicht, die Schulpflicht bis zum 15. Lebensjahr jedoch schon. Mit zehn Jahren müssen daher Kinder ihre Schulzeit und somit ihr Leben woanders fortsetzen. Meist in Perth und nicht selten im Internat, bestenfalls mit Wochenenden hier auf den Kokosinseln. Oder es zieht die gesamte Familie mit und gibt ihr Leben im Paradies auf. Ja, Volksschullehrer auf den Kokosinseln müsste man sein! Hohes Gehalt, freie Kost und Logis. Und wer sich dann an das Leben hier gewöhnt, will bleiben. Wer bleiben will, will vielleicht eine Familie gründen und tappt sogleich in die Falle…
Vom Paradies-Kuchen, so stelle ich am Ende meines Aufenthaltes fest, kann man höchstens ein paar Häppchen naschen aber keiner kommt in den ganzen Genuss. „Paradise is within reach at the Cocos Keeling Islands.“, heißt es so schön auf der offiziellen Tourismus-Werbebroschüre. Das trifft die Wahrheit eigentlich noch besser: Man kommt auf den Cocos Keelings auf Armeslänge an das Paradies heran, endgültig erreichen kann man es dennoch nicht.