Tasmanien ist mit seinen 68.000km2 zwar Australiens größte Insel, jedoch der mit Abstand kleinste Bundesstaat. Als Insel ringsum vom Pazifik umgeben, ist sie für einen Australien Reisenden angenehm überschaubar. Wer schon einmal in Australien war kennt mitunter das Problem: Der rote Kontinent ist unfassbar groß! Etwa so groß wie die USA ohne Alaska, allein der Bundesstaat Westaustralien hat über 2,5 Millionen Quadratkilometer. Zzwischen zwei interessanten Spots liegen mitunter 1000 Kilometer ödes Buschland.
Ein Besuch in „Tassie“, wie die Insel Down Under liebevoll genannt wird, fühlt sich daher wie eine Reise in ein eigenes Land an. Abgesehen von den 250 Kilometern Distanz vom Kontinent, unterscheiden sich ganz einfach zu viele Dinge vom Festland. Lange Autofahrten sind nicht notwendig, es gibt auf engem Raum eine enorme Fülle an ebenso unterschiedlichen wie spektakulären Landschaften. Selbst nach bislang zehn Reisen, können wir Tasmanien immer wieder neue Geheimnisse entlocken.
Ein Tasmanier hat uns einmal gesagt, „Hätten Australien und Neuseeland ein Kind, Tasmanien wäre ihre Tochter.“ Klingt schräg, hat jedoch durchaus etwas an sich. Die unberührte Bergwelt, die Wasserfälle und die riesigen temperierten Regenwälder im Westen und Südwesten erinnern sehr stark an Neuseeland. Das Wetter allerdings auch. Wo so viel Grün ist, ist auch viel Regen. Tasmanien ist der einzige Bundesstaat Australiens mit ausgeprägten Jahreszeiten, Winter und Schneefall inklusive. Eigentlich erinnert landschaftlich viel mehr an Neuseeland, als an unsere klassische Vorstellung vom „roten“ Australien. Was die Fauna jedoch betrifft, lässt sich die Zugehörigkeit zum australischen Kontinent nicht verleugnen. Für manchen Reisenden ist das auch mit einem gewissen „leider“ verbunden. Nicht wegen der vielen süßen Kängurus und Wallabies und ebenso frechen wie pelzigen Fuchskusus, Wombats oder den noch niedlicheren Echidnas (Ameisenigel), denen man beim Campen in Tasmanien unweigerlich begegnen wird, sondern wegen der Schlangen. Es gibt zwar nur drei Schlangenarten in Tasmanien aber sie sind - klassisch Australien! - alle giftig. Zugegeben, „nur selten tödlich“, wie Tasmanier schnell versichern, aber Vorsicht ist geboten, zumal man während einer Wanderung recht weit weg von Arzt oder Spital sein kann.
Und Wandern ist in Tasmanien besonders angesagt, ist es doch die Natur, die so viele Menschen aus weiter Ferne hier herlockt. Um Tasmanien wirklich kennenzulernen, muss man Auto und Asphalt hinter sich lassen, ganz gleich ob man nun Tagestouren unternimmt oder mit Zelt und Schlafsack einer der vielen mehrtägigen Trekkingtouren unternimmt. Etwa ein Viertel der Landesfläche sind als UNESCO Natur Welterbe ausgewiesen, mehr als ein Drittel (37 Prozent) Tasmaniens sind in Form von Nationalparks geschützt. Wie schon erwähnt, sind diese Landschaften nicht nur spektakulär, sondern auch sehr abwechslungsreich. Im Osten der Insel scheint oft die Sonne, ist das Klima sehr mild. Weiße Strände mit von Flechten rot gefärbten Granit Boulder säumen den Mount William Nationalpark und die Bay of Fires beim Küstenort St. Helens. Weiter im Landesinneren, etwa in den Blue Tier Mountains, wandert man durch Urwälder aus Baumfarnen.
Der Kern der Insel bis hin zum Süden und dem Westen wird von riesigen, meist gebirgigen Nationalparks, wie etwa dem Walls of Jerusalem, Franklin-Gordon-Wild Rivers oder Cradle Mountain-Lake St. Claire geprägt. Letzterer wurde übrigens von einem Österreicher erschaffen, der in Tasmanien durchaus als Legende zu bezeichnen ist: Gustav Weindorfer stammte aus Kärnten und wanderte um 1900 nach Australien und ein paar Jahre später nach Tasmanien aus. Als Hobbybotaniker verliebte er sich in die Natur der Insel, insbesondere in das Gebiet der Cradle Mountains und war der erste, der sich vehement für den Schutz der tasmanischen Natur einsetzte. Sein Chalet „Waldheim“ ist als Touristenattraktion heute immens beliebt und muss vom Touristenansturm geschützt werden.
So gut wie keinen Menschen begegnen man im äußersten Süden und Westen Tasmaniens. Bei einer Wanderung im schier unberührten Southwest Nationalpark kann man sich von der unberührten Weite dieser Naturlandschaften ein besonders gutes Bild machen. Manche der Bergplateaus mit Mooren und Pandani Pflanzen sehen aus, als könnten dort nach wie vor Dinosaurier hausen. Sie sind jedoch so schwer zu erreichen, dass sich an diesem Umstand so bald auch nichts ändern wird.
Für das Erwandern der schroffen Felsküsten der Tarkine mit den riesigen temperierten Regenwäldern im Hinterland benötigt man mehr als nur ein Fotografenleben. Ozeandünung, Felszacken, Sanddünen, Urwälder und wilde Flüsse prägen den von wilden Stürmen geprägten Westen. Es ist eines der letzten Gebiete, wo der Tasmanische Teufel noch anzutreffen ist. Sie sind die größten noch lebenden Raubbeutler und in Tasmanien endemisch. Die kecken „Devils“ fletschen gerne ihre Zähne und bekommen bei Aufregung rote Ohren und verbreiten üblen Gestank. Als Streicheltiere werden sie daher nicht verwechselt. Sie sind scheu und ungefährlich. Leider macht ihnen eine Viruserkrankung sehr zu schaffen, die sich wegen ihrer aggressiven Verhaltensweise untereinander durch Bisswunden schnell verbreitet.
Einen besonders tollen Eindruck der Tarkine kann man sich vom Boot aus oder im eigenen Kajak machen. Der Pieman River schneidet durch den Wald der Tarkine bis hin zur Küste. Im Ort Corinna (eigentlich kein Ort sondern nur ein paar Häuser samt Lodge bei einer winzigen Autofähre!) kann man Bootstouren buchen oder Kajaks mieten. Zeitlich in der Früh, wenn Nebelschwaden am Fluss herumwabern und das seltene Schnabeltier seine Runden zieht, ist es besonders atemberaubend.
Man versteht sogleich, weshalb in Tassie die Legende des Tasmanischen Tigers nie versiegen wird. Das vermutlich berühmteste Lebewesen Tasmaniens wurde seit gut 100 Jahren nicht mehr lebendig gesehen. Nicht nachweislich. Offiziell gilt es als ausgestorben, doch es gibt einige Abenteuer, die das Gegenteil behaupten, doch nie ein Foto als Beweis liefern konnten. Manche von ihnen haben so viel Zeit und Geld in den Versuch gesteckt ein paar Aufnahmen zu machen, dass es sie finanziell in den Ruin trieb. Verena glaubt diese Stories nicht, doch ich sage, wer würde seine Existenz aufs Spiel setzen, wenn er nur ein Märchen erzählen will?
Wir als Fotografen, immer auf der Suche nach schönen, spannenden Landschaften und sehr, sehr oft tagelang mit schwerem Rucksack und Proviant für mehrere Tage unterwegs, können der Legende des Tasmanischen Tigers durchaus auch Inspiration ziehen. Wenn das Wetter nicht passt, der Weg wieder einmal durch steiles Gelände, kalte Bäche oder dichtes Gestrüpp in tiefe Wildnis führt, nur um Sie werte Leser mit aufregenden Fotos zu versorgen, hört Verena mich oft raunzen: „Wieso können wir eigentlich nicht ganz einfach Urlaub machen, wie jeder andere auch?“ „Weil man nie weiß, ob dir nicht hinter der nächsten Ecke ein „Tiger“ vor die Linse springt!“, sagt sie dann. „Stimmt!“ sage ich dann, frisch motiviert, „Ein Bild vom Tasmanischen Tiger! DAS würde sich verkaufen wie heiße Schokoladeneiscremetorte!“ Und so werden wir wohl noch viele weitere wilde „Ecken“ von Tassie erkunden müssen.
Anmerkung: Eine leicht geänderte Version des Textes erschien im Februar 2026 in der Kurier FREIZEIT