Von einer Fotoreise zu Australiens größter Insel und kleinstem Bundesstaat kommt fast jeder Naturfotograf mit reicher Ausbeute nach Hause. Schnell hat man das Gefühl alle Highlights gesehen zu haben, doch dieses Gefühl täuscht. Wer Tasmaniens Natur genauer kennenlernen will, muss mit Rucksack und Zelt in die Wildnis eintauchen – mit ausreichend Proviant und viel Zeit im Gepäck! Das Landschaftsfotografen Ehepaar Verena Popp-Hackner und Georg Popp tut dies seit mittlerweile 15 Jahren und hat noch immer das Gefühl nicht genug gesehen zu haben!
Gut 50 Wochen haben wir in den letzten 15 Jahren fotografierend in Tasmanien verbracht – also insgesamt beinahe ein Jahr. Und zu dem Zeitpunkt, wenn sie diese Zeilen lesen, sind wir gerade wieder irgendwo in der tasmanischen Wildnis unterwegs. Schon nach der ersten Reise fassten wir den Gedanken einen umfangreichen Bildband über die vielen Wildnisgebiete dieser größten Insel Australiens zu fotografieren. Besonders die unglaubliche Vielfalt und teils Gegensätzlichkeit der Landschaften auf so engem Terrain schien uns von Beginn weg einzigartig. Wilde, praktisch 365 Tage im Jahr vom Sturm gepeitschte Küsten wie der Tarkine, liegen nur wenige Autostunden von tropisch anmutenden, sanften Sandstränden mit türkisen Wasser und von Flechten rotgefärbten Felsen der Bay of Fire. Oder die sanften Eukalyptuswälder im Franklin-Gordon Wild Rivers Nationalpark, die praktisch nur einen Steinwurf von den Schnee-Eukalypten des Mt. Field Nationalparks entfernt liegen, die selbst im Sommer regelmäßig von Schneestürmen heimgesucht werden. Und auch von der Zivilisation von Hobarts wunderschönem Hafen mit seinen Galerien und Fischrestaurants hin zur nahezu unberührten Wildnis des Southwest Nationalparks ist es nur ein Katzensprung. Und da sind nur ein paar wenigen Beispiele, die sich noch lange fortsetzen ließen. Und jetzt, 15 Jahre nach der ersten Reise haben wir gerade einmal ein grobes Konzept für einen Tasmanien Bildband erarbeitet. Gut Ding braucht Weile…
Tasmanien ist eine relativ kompakt geformte Insel, von Nord nach Süd oder von West nach Ost schafft man es innerhalb von zwei Fahrtagen. Mit etwa 68.000 Quadratkilometer ist es nicht ganz so groß wie Bayern und der Pazifische Ozean zieht ringsherum scharfe Grenzen. Im Vergleich mit den ansonsten schier unfassbaren Weiten des Australischen Kontinents, hat man in Tasmanien schnell einmal das Gefühl, sich nach einer Fotoreise einen recht guten Überblick verschafft zu haben. Ein Gefühl, das wir gut kennen, doch es täuscht.
Tasmanien hat jede Menge leicht erreichbare Fotomotive, einige davon sind mittlerweile - Instagram sei es gedankt – ziemlich überlaufen. Doch seine atemberaubendsten Geheimnisse gibt die Insel nur jenen Fotografen preis, die sich mit Zelt und Rucksack für mehrere Tage in die Wildnis begeben. Selbst bei den Trekking Touren gibt es riesengroße Unterschiede. Erreicht man so manche fantastischen Landschaften auf gut beschilderten Trails, so liegen andere weit abseits und sind nur mit ziemlich waghalsigen Touren erreichbar. Es braucht Zeit, sich das Herz der tasmanischen Wildnis zu erobern. Erfahrung beim Trekking in abgelegener Wildnis ist hier Voraussetzung. Obwohl Landschaften in Tasmanien in vielen Belangen jenen von Neuseeland ähneln, gibt es ein paar sehr wesentliche Unterschiede. Und hier sollte man zu alleroberst jene im Kopf haben: Nämlich, dass Tasmanien eben Australien ist und im Gegensatz zu Neuseeland jede Menge giftiges Getier beheimatet. Es gibt in Tasmanien nur drei Schlangenarten, jedoch ist jede von ihnen giftig, zwei – die Tiger Snake und die Lowland Copperhead – sogar sehr. Bisse kommen regelmäßig vor, Todesfälle nur sehr selten, doch eine Notfalls Situation, drei Fußmärsche vom der nächsten Schotterpiste entfernt, sollte man tunlichst vermeiden.
In den Nationalpark Verwaltungen Tasmaniens und noch viel mehr unter den tasmanischen Naturfotografen ist man sehr zurückhaltend mit Informationen, wie so manche fotogenen Plätze erwandert werden können. Für ein paar Jahre hing im großen und modernen Infos Center des Mt. Field Nationalparks ein mehrere Meter großer Print eines von Verena gemachten Fotos, das man irgendwann abhängen musste, weil man ständig von Touristen gefragt wurde, wie man denn dort hinkommt. Es zeigt ein alpines Feuchtgebiet, mit Polsterpflanzen, uralten Südbuchen und Pandani Bäumen, das so verwunschen aussieht, als würden dort jeden Moment Dinosaurier auftauchen. Es ist eben genau eines dieser Plätze, die Tasmanien nur einem sehr kleinen Kreis an Fotografen preisgibt. Es führt dort auch ganz bewusst kein Trail hin und die schwer zu findende mehrtägige Route beinhaltet, neben anderen Hindernissen, steile Kletterpartien in sehr ausgesetztem Gelände. Man wollte niemand für ein schönes Motiv in sein Verderben schicken.
Wer im Archiv von NATUR FOTO blättert, wird in der Ausgabe von August 2012 in einem von Verena verfassten Artikel über diesen Ort fündig und kann nachlesen, wie diese Aufnahmen damals mit der 4x5“ Plattenkameras entstanden sind. Instagram war da gerade einmal vier Monate alt. Heute findet man so gut wie keine Infos mehr, weder in Fotobänden noch in Wanderführern, wie und wo diese Wildnis genau zu finden ist und das ist wohl auch gut so.
Naturschutz ist in Tasmanien sehr hoch angeschrieben, aus gutem Grund. In Tasmanien gibt es eine lange Geschichte von teils harten Auseinandersetzungen zwischen Naturschützern und diversen Unternehmen, die aus der reichhaltigen Natur einen möglichst hohen Dollargewinn abschöpfen wollen. Staudämme, Mineralvorkommen und vor allem Kahlschläge in den letzten großen temperierten Regenwäldern der Erde. Einer dieser Hotspots ist die Tarkine, ein Landstreifen ganz im Westen der Insel. Entlang der riesigen wilden Westküste gibt es kaum Straßen, bestenfalls ein paar Schotterpisten. Die Küste der Tarkine ist eine der letzten großen, nahezu unberührten Flachlandregionen der westlichen Welt. Hier gibt es noch gesunde Populationen der Tasmanischen Teufel, einer ansonsten von Krankheit schwer dezimierten Raubbeutler Art. Selbst den seit den 1930er Jahren als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tiger will man hier noch bis in die frühen 2000er Jahre gesehen haben. (obwohl die Zeugen vertrauenswürdig schienen, blieben Fotobeweise jedoch aus.) Wer hier unterwegs ist, kann sich durchaus vorstellen, wie leicht hier scheue Wildtiere sich vor dem Anblick mit Menschen drücken können. Sich die Küste der Tarkine zu erwandern ist deutlich weniger riskant als die Berge des Southwest Nationalparks, doch ein Honigschlecken ist es auch nicht. Zum einen sind die Distanzen groß, der Weg teils auf tiefem Sand oder weitab der Küste zwischen zackigen Felsen und kratzigen Gebüsch. Auf die zahllosen Schlangen, die besonders die Küstenregionen lieben, sei hier auch noch einmal hingewiesen…
Auch an der Küste gilt: Rucksack, Zelt, viel Proviant und Zeit sind Zutaten für die schönsten Fotoplätze und Motive. Gecampt kann eigentlich nur nahe einer der recht zahlreich vorhandenen Flüsse werden, die hier ins Meer münden und die ausreichend Trinkwasser bieten. Neben der Wildheit und Weitläufigkeit der Tarkine Küste, sind es vor allem die unfassbar skurrilen Felsformationen, die sich hier dem Landschaftsfotografen offenbaren. Man stolpert samt Stativ und Rucksack vorbei an Seelöwen, schroffen Zacken und geometrische Figuren und Muster aus Stein aber auch Sanddünen, immer begleitet vom ohrenbetäubenden Lärm der ewig heranrollenden Ozeanbrecher. Das Wetter an der Westküste beinhaltet meist stürmischen Regen, Wind und Sonnenschein an jedem beliebigen Tag. Die Tarkine Küste ist wirklich wild und es lohnt sich, sich zumindest für ein paar Tage auf sie einzulassen. Gute Ausgangsplätze sind Arthur River im Norden (und per Auto erreichbar), aber auch im Süden bei Pieman Head, den man aus dem Landesinneren vom kleinen Ort Corinna per Boot auf dem Pieman River erreichen kann. Zwischen Arthur River und Pieman Head liegt ungefähr eine Woche reine Gehzeit, mit genügend Zeit für Fotografie etwa das Doppelte. Es lohnt sich also gar nicht unbedingt die Durchquerung, sondern eher das Erkunden von jeweils einem Ende aus.
Wer vom Salzspray, Sturm und Brandung und schroffen Felsen irgendwann genug hat, der ist reif für den Osten Tasmaniens. Zwischen Freycinet Nationalpark, Bay of Fires und dem Mount Williams National Park scheint meist die Sonne. Beschauliche Küstenorte liegen an pittoresken Sandküsten. Die runden Granitfelsen dieser Region, insbesondre Bay of Fires, sind mit roten Flechten bewachsen und bei Landschaftsfotografen beliebt. Und natürlich gilt hier noch mehr: Wer die ungewöhnlichen Motive entdecken will, der muss sich schon ein paar Kilometer von den Parkplätzen wegbewegen. Das Landesinnere ist hügelig, mit vielen Tannin gebräunten Bächen durchzogen. Hier benötigt es keine wilden Bergtouren, doch man muss sich mitunter durch Bäche und Gebüsch hindurchschlagen und gegen Kriebelmücken kämpfen, um zu lohnenden Motiven zu kommen, die nicht schon hundertfach gesehen wurden. Wälder aus Baumfarnen, Wasserfälle und kleine Schluchten lassen sich vielerorts entdecken.
Die Bilder aus diesem Beitrag entstanden einzig aus unserer Reise von 2025. Waren wir früher fast ausschließlich mit 4x5“ Plattenkameras unterwegs, ist es heute meist eine digitale Ausrüstung rund um unsere Nikon Z8 Kameras. Und, ja, vor allem für unseren erträumten Tasmanien Bildband fotografieren wir auch Wildlife, Pflanzen Details oder ein paar verspielte Dinge, auch wenn das meist auf der To-Do Liste etwas weiter unten rangiert. Viele schöne Wildlife Fotos oder kreative Details, die uns im Lauf der Zeit gelangen, entstanden eher zufällig. Wirklich geplant sind immer nur die Landschaftsfotos, wenngleich sich auch dabei freilich nie das Licht oder die Stimmung vorausplanen lässt. Und das macht am Ende ja erst den echten Reiz der Naturfotografie aus.
Wer den schon erwähnten alten Beitrag aus dem Jahr 2012 hervorkramen will, kann sich den Spaß erlauben die Qualität eines analogen 4x5 Zoll Fuji Velvia Planfilmes mit jenem des etwa 50MB Sensor aufgenommenen Files der Z8 von 2025 zu vergleichen. Wir sind selber gespannt, wenn analoge Großformatbilder in unserem geplanten Bildband auf moderne digitale Reproduktionen treffen. Es gibt sehr wohl optische Unterschiede, jedoch mit Sicherheit nicht in Schärfe oder Druckqualität.
Ein paar letzte Ecken gilt es noch zu erkunden und ein paar weitere zum wiederholten Mal aufzusuchen. In diesem Beitrag hier sind ja nur wenige der relevanten Nationalparks erwähnt, Tasmaniens Wildnis Gebiete reichen für mehrere Fotografenleben. Walls of Jerusalem, Cradle Mountain - Lake St. Claire National Park, die Nationalparks Ben Lomond, Tasman oder Maria Island und noch viele, viele kleine Parks und Schutzgebiete mehr. Vielleicht haben wir Glück und es findet sich noch für eine Zeit lang kein Verlag, dann können wir ja weiter an der Optimierung der Aufnahmen feilen. Oder unser fünfzehnjähriger „fotografischer Lebensabschnitt“ Tasmanien endet nach 15 Jahren in einem schönen Bildband, der so aussieht, wie wir uns das vorstellen. Und auch das wäre nicht der schlechteste Weg, ein Kapitel zu beenden.
Anmerkung: Diese Story erschien im Magazin NATUR FOTO (D) im Jänner 2026